Vera Kaltwasser: Zooming in - Virtuelles Qigong

Geschrieben von: Ralf Jakob

Vera Kaltwasser: Zooming in - Virtuelles Qigong

Während ich dies schreibe, sitze ich in himmlischer Ruhe auf meiner Frankfurter Terrasse –  keine Kondensstreifen von Flugzeugen, kein fernes Autobrummen – Vogelgezwitscher, Entschleunigung, Innehalten. Wie schön! Wenn wir nicht wüssten, wie trügerisch dieser Schein ist: Ängste greifen um sich, Verschwörungstheorien entzweien Freundschaften, verlässliche Gewohnheiten bröckeln und hinterlassen Verunsicherung. Homeoffice, homeschooling – aber oft nicht. Home sweet home, sondern homemade Stress-Syndrom.

Als Qigong-Praktizierende haben wir ein Fundament, das uns jetzt trägt: Die Sicherheit, die unser verlässlicher Atem und die zur zweiten Natur gewordene Übungsabfolge uns schenkt, darauf können wir bauen. Wer eine feste persönliche Übungspraxis hat, der kann sich selbst genug sein. Wer aber auf die Gruppe angewiesen ist, dem geht jetzt schmerzlich auf, welches Potential dem Üben in einer Gruppe zukommt.

Inzwischen gibt es eine Flut von Angeboten über Zoom oder andere Plattformen. Ich selbst habe in meinen Ausbildungsgruppen in letzter Zeit schon darauf zurückgegriffen. Seien wir uns aber bewusst, dass es sich hier um eine Not-Lösung handelt. Gemeinsames Üben in einer Gruppe umfasst einen Erfahrungsraum, den uns der flache Bildschirm niemals bieten kann. Letztlich sitzen wir isoliert vor einem zweidimensionalen Screen und so vieles geht uns verloren: Die Mimik des anderen, seine Körperhaltung, seine kaum merklichen Reaktionen, Blicke, Austausch im reichen nonverbalen Interbeing – im Zwischenraum zwischen Ich und Du und Wir. Wir alle haben schon erlebt, wie beim Üben in der Gruppe eine Atmosphäre des Gleichklangs entsteht, die schwer zu fassen, aber gut zu spüren ist. Seien wir froh, dass es virtuelle Begegnungsräume gibt, aber nutzen wir sie wählerisch und mit Vorbehalt. Gut ist es, beim gemeinsamen Zoom immer wieder den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen, sich auf den Atemrhythmus einzuschwingen und sich über den Raum hinweg mit den Anderen, so gut es geht, zu verbinden.

Und irgendwann – ist es dann wieder so weit.