10.01.2017

Das Stehen: Das richtige Maß

Bild: Wudaogongfu

„Einmal stehen ist besser als hundertmal üben!“ Bernd Müller zeigt uns hier auf, was bei der einfachen Stehübung zu beachten ist und wieso das Stehen im Qigong so wichtig ist.

„Einmal stehen ist besser als hundertmal üben“, heißt es. Gemeint ist, dass das „Stehen wie ein Baumstamm“ (zhan zhuang), die Basis für alle Übungen ist, gleichgültig ob Qigong, Taiji oder eine andere Kampfkunst. Ohne Stehen keine Lockerheit, ohne Stehen kein Sinken und keine Verwurzelung, ohne Stehen keine Konzentration und Ruhe, ohne Stehen keine Bewegung, denn die Bewegung entsteht aus der Ruhe. Und ohne Stehen keine Spannung in der Entspannung. Je länger man steht, desto besser die Wirkung auf Körper und Geist, erst ein paar Minuten, dann nach vorsichtigem und geduldigem Üben vielleicht zehn. Wer schließlich zwanzig Minuten entspannt, aber gleichzeitig fest stehen kann, hat viel erreicht.

Aber die einfachste Übung entpuppt sich meist als die schwierigste. Das Stehen sieht so simpel aus, aber jeder, der einmal versucht hat, ein paar Minuten in Ruhe zu stehen und dabei nicht zu verkrampfen oder in sich zusammenzusacken, weiß, dass das nicht ganz einfach ist. Geist und Körper lassen sich alles Mögliche einfallen, um das ruhige Stehen zu unterbrechen: in den Beinen fängt es an zu ziehen und zu kribbeln, die Arme werden schwer, die Gedanken schweifen ab, man meint, etwas Dringendes erledigen zu müssen. Nein, eben nicht! Einfach weiter stehen, entspannt aber doch fest, locker, aber nicht verkrampft und immer die korrekte Haltung beibehaltend. Die Chinesen sagen dazu: „Locker aber nicht schlaff, fest aber nicht starr“, ein Mittelding zwischen Anspannung und Entspannung. „Entspannte Wachsamkeit“ oder „Wohlspannung“ sind vielleicht die besten Umschreibungen für diesen Zustand.

Mit der Zeit stellt sich ein Gefühl der Leichtigkeit ein, des Getragen- und Gehaltenwerdens. Der Kopf scheint zu schweben, während das Becken locker in der Leiste sitzt und die Beine fest im Boden verankert sind. Durch den Körper verläuft eine gerade Linie mit dem unteren Bauchraum, dem Dantian, als Zentrum. Der ganze Körper fühlt sich als Einheit an. Wer diese Empfindungen einmal erfahren hat, ist auf dem richtigen Weg. Die Betonung liegt „auf dem Weg“. Das Ziel ist noch lange nicht erreicht und die Empfindungen sind nicht jeden Tag gleich und können sich von Mal zu Mal unterscheiden. Es ist ein langer Weg von mehreren Jahren mit vielen Aufs und Abs. Mein chinesischer Lehrer hat erst einmal drei Jahre „gestanden“, bevor er irgendeine Schrittfolge gelernt hat. Wer hat schon so viel Geduld? Es muss doch alles schnell gehen und sofort zu Ergebnissen führen. Aber ohne stabile Grundlage kein gutes Gongfu.

Um die Gedanken zu bündeln, denkt man am besten in den Körper hinein, wandert im Geist vom Kopf bis zu den Füßen, spürt die harten und verspannten Stellen und versucht sie weicher zu machen, lockert die Gelenke, vor allem die Schultern, Ellbogen und die Hüfte, lässt alle Spannungen in den Bauchraum, dem Dantian, sinken und schließlich bis hinunter in die Füße zur Sprudelnden Quelle (yong quan). Der Atem geht ruhig, wird tiefer und sinkt ebenfalls in die Bauch- und Nierengegend. Die Wirbelsäule ist gerade, der Kopf ist leicht und scheint am obersten Punkt Hundertfache Zusammenkunft (bai hui) gehalten. Von der Seite betrachtet bilden Ohr, Schulter, Hüfte und Fußknöchel eine senkrechte Linie. Mit dem Dantian als Zentrum steht der ganze Körper weich und gleichzeitig fest im Lot, ohne Anstrengung.

Nur was ist die richtige Mischung aus Entspannung und Anspannung? Es kommt auf das richtige Maß an, das letztlich jeder für sich selbst finden muss. Das untere Dantian als Zentrum und den Körper als Gesamtheit wahrnehmen sowie ein Gefühl der Durchlässigkeit und Leichtigkeit, sind die Wegweiser auf der Reise zum richtigen Maß beim Stehen. Mit der Zeit werden Körper und Geist stärker, zentrierter, ruhiger und beweglicher, auch im Alltag und nicht nur während der Steh-Übung.

Noch ein Detail, das ich erstmals in Beijing gehört habe: das „Tigermaul“ (hu kou) und der richtige Abstand zwischen Zeigefinger und Daumen. Ist er zu groß, tendiert der Körper zur Anspannung, ist er zu klein, wird der Körper schlaff. Der Abstand muss „genau richtig“ sein und spiegelt die richtige Körperspannung wider. Überhaupt sind die Hände ein guter Indikator für den Zustand des Körpers: sind die Hände unruhig und bewegen sich die Finger, kann das ein Zeichen für Spannung im Körper sein, aber auch umgekehrt, ruhige Hände können den ganzen Organismus stabilisieren. Jedes Körperteil beeinflusst den ganzen Körper und - umgekehrt - der gesamte Körper beeinflusst jedes einzelne Körperteil.

Was ist letztlich das Ziel? Die Wudang-Mönche beschreiben es so: „Der Körper wird zunächst locker (song), dann wird er weich und geschmeidig (rou ruan),
schließlich werden die Leitbahnen durchlässig (jingluo tong)“. Die chinesische Medizin besagt, wenn die Leitbahnen durchlässig sind, kann die Lebensenergie Qi ungehindert fließen. Das ist die Voraussetzung für einen gesunden Körper und Geist. Kommt es zu Stauungen oder Fehlleitungen, entstehen Beschwerden, Verspannungen und Krankheiten.

Also stehen wir doch jeden Tag einige Minuten oder machen eine andere Qigong-Übung, lassen das zur Gewohnheit werden, so selbstverständlich wie Zähne putzen, eine Morgendusche nehmen oder Fußnägel schneiden. Qigong ist zunächst Lebenspflege und Gesundheitsvorsorge für Körper und Geist. Daraus kann sich mit der Zeit mehr entwickeln. Ein gesunder Körper und ein ruhiger Geist sind die Basis für Kampfkunst, Selbstkultivierung, Meditation oder geistige Entwicklung.

Bernd Müller, Beijing November 2016