10.01.2017

Lü Dongbin, ein Ahnherr des Qigong

Lü Dongbin besiegt das Flussungeheuer;
gefunden auf einer Tempelwand in Südchina

Lü Dongbin, diesen wichtigen Wegbereiter und großen Ahnherrn des heutigen Qigong als Weg zur Selbstkultivierung aus dem 8. Jahrhundert n.Chr. stellt uns Dr. Cornelia Richter vor.

Lü Dongbin 吕洞宾, einer der ganz großen Ahnherren des Kultivierungsweges, ist bis heute in China populär. Man begegnet ihm sogar in Fernsehserien über das alte China, wo man ihn an seiner hochgewachsenen schlanken Gestalt und dem Schwert, das er immer bei sich trägt, erkennt. Dieses Schwert soll er, der Sage nach, einst von einem Drachen, den er beim Wandern auf einem Berg traf, als Geschenk erhalten haben. Nach einer anderen Überlieferung war es das Abschiedsgeschenk des Meisters, bei dem er die Schwertkunst erlernt hatte. Es ist ein magisches dämonentötendes Schwert, mit dessen Hilfe er alljährlich zum Geburtstag der Königinmutter des Westens in das himmlische Paradies des Westens gelangen kann. Anlässlich dieser Geburtstagsfeier treffen sich die Acht Unsterblichen (ba xian 八仙), zu denen Lü Dongbin und sein Lehrer Zongli Quan zählen, mit all denen, die im Himmel etwas zu sagen haben oder arbeiten dürfen.

Lü Dongbin lebte zur Zeit der Tang- oder Song-Dynastie, man findet auch die Angabe: von 755 – 805 n. Chr. Über sein Leben gibt es zahlreiche Erzählungen, Mythen und Legenden. So soll er, auf dem Weg zur kaiserlichen Beamtenprüfung, die er dem Wunsch seiner Eltern entsprechend ablegen sollte, einen Daoisten getroffen haben, der ihn einlud, mit ihm zu reisen. Als sie im Gasthaus auf das Essen warteten schlief Lü Dongbin ein und träumte sein Leben nach der Beamtenprüfung mit Aufstieg, Macht und Ansehen bis zum tiefen Fall nach Fehlern, die er begangen hatte, in Einsamkeit und Armut. Als er erwachte, war das Essen noch nicht fertig, er hatte also nur ganz kurz geschlafen und in dieser kurzen Zeit ein ganzes Leben geträumt. Der Daoist erklärte ihm: fünfzig Jahre sind im Nu vorbei, das Leben ist so kurz, was bedeuten da Gewinn und Verlust. Jeder Mensch sollte zur Erkenntnis gelangen, die Erleuchtung erfahren, dass das Leben nichts als ein Traum ist. Diese Erzählung ist in ganz China als „Traum der gelben Hirse“ bekannt.

Lü Dongbin widmete sich fortan dem Kultivierungsweg, auf dem er zahlreiche Prüfungen zu bestehen hatte. Eine der berühmtesten daoistischen Erzählungen schildert diesen Weg. So wird zum Beispiel über eine dieser Prüfungen berichtet, dass Lü Dongbin eines Tages auf den Markt ging, um Waren zu verkaufen. Er vereinbarte mit dem Kunden den Verkaufspreis, doch plötzlich wollte dieser Kunde nur die Hälfte des Preises bezahlen. Lü Dongbin ließ es nicht zum Streit kommen, er akzeptierte den reduzierten Betrag, nahm das Geld und überließ dem Kunden die Ware wie abgemacht.

Bei einer anderen Prüfung rettete er seinen Tieren, die auf der Weide grasten, das Leben, indem er sich zwischen sie und einen hungrigen Tiger stellte, der sich daraufhin davonmachte. So bestand Lü Dongbin eine Reihe von Prüfungen, kultivierte die Tugend, beruhigte sein Herz, ließ nicht zu, dass äußere Umstände ihn in Aufruhr oder gar von seinem Wege abbringen könnten. Er wurde zum Vorbild für alle Menschen, die sich auf dem Übungsweg befinden. Mit den Übungsmethoden erübt man sich die Fähigkeiten und die Möglichkeiten ein gutes Leben zu führen, gesund und ein guter Mensch zu sein, allen Wesen hilfreich zur Seite zu stehen.

In der daoistischen Tradition gilt Lü Dongbin als Vorläufer der QuanZhen-Schule (Schule der vollkommenen Wirklichkeit), die in den Jahren 1167 und 1168 von Wang Zhe (王嚞, 1113 – 1170) in der Provin Shaanxi begründet und später von seinen sieben berühmten Schülern, darunter die allseits bekannte weibliche Erleuchtete Sun BuEr, in Nordchina verbreitet wurde.

Lü Dongbin hat mit seinem Lehrer Zhongli Quan zusammen viele Texte zu NeiDan (内丹, Innere Perle) verfaßt und später über verschiedenste Themen geschrieben. In seinem Werk verband Lü Dongbin Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus. Es ist bis heute aktuell geblieben.

Von Dr. Cornelia Richter
Aus dem Buch: Xuelin Jiang, Dr. Cornelia Richter, Selbstheilungsweg Band 3, Verlag der Quadrate-Buchhandlung Mannheim, ISBN 978-3-924704-50-6