05.07.2017

Interview mit Dr. Brigitta Bach

Brigitta Bach
Dr. phil, Medizinethnologin
Lehrerin und Ausbilderin der DEUTSCHEN QIGONG GESELLSCHAFT e.V.

Dr. Brigitta Bach stellt sich hier den Fragen zur Entwicklung des Qigong in der Gesellschaft und zu ihren persönlichen Erfahrungen auf dem Qigong-Weg. In ihren Antworten steckt soviel Herz, Erfahrung und Weisheit. Es ist ein wahrer Schatz, der in die Tiefe geht und zum Nachdenken anregt.

Liebe Brigitta, Du blickst auf eine fast 40jährige Erfahrung mit Qigong zurück. Wie waren Deine Anfänge und was hat sich mit der Zeit verändert?

Liebe Mira, tatsächlich gehörte ich zu der Gruppe der ersten Übenden, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre mit Taiji und Qigong in Kontakt gekommen sind. Christel Proksch, neben Josefine Zöller die zweite Pionierin im norddeutschen Raum, war unsere wunderbare Lehrerin. Wir übten im Park und waren für die Hamburger „die netten Verrückten“. Wir kopierten mit viel Neugier und Freude die Taiji-Form und genossen die Vorübungen, ohne zu ahnen, dass es sich dabei um Qigong handelte. Wir übten ohne Konzepte und ohne viel zu wissen über Jing, Qi und Shen, über das, was wir da bewegten, übten wie Kinder. Was für ein herrlicher Einstieg!

1987 ging ich dann als Medizinethnologin zu Forschungszwecken nach Singapur, nutzte die Zeit, und kam 1989 zurück mit der traditionellen Lehrerlaubnis. Damals gab es noch keine Gruppenausbildung, wir waren zu der Zeit neun Lehrschüler_innen und alle durchliefen die Zeremonie der Lehrerlaubnis zu unterschiedlichen Zeiten, nämlich dann, wenn sie für „reif“ befunden wurden, die Methoden weiterzugeben.
Zurück in Hamburg, begann ich mit Interessierten Taiji und Qigong zu üben. Von Anfang an lag mein Fokus auf dem Spontanen Qigong, das bis heute das Herzstück meiner Arbeit geblieben ist. Meine Neugier, mich weiterzubilden, die mich bis heute begleitet, führte mich zu verschiedenen Lehrern und Weiterbildungen und ich baute in Hamburg eine Schule auf, um mein Erlerntes mit den Übenden zu teilen.

Vor knapp 20 Jahren bist Du nach Spanien umgezogen. Welchen Einfluss hatte dieses Ereignis auf Deine Erfahrungen als Qigong-Übende und Qigong-Lehrende?

Ja, zum Jahrtausendwechsel zogen mein Mann Angel und ich dann nach Katalonien um und da begann eine neue Lehrzeit für mich: Taiji in den Kinderschuhen, Qigong außerhalb von Barcelona völlig unbekannt, bot sich mir hier eine schwierige Situation. So ging ich wieder in die Lehre. Dieses Mal war die Lehrmeisterin die archaische Natur der Pyrenäenausläufer und ich erlebte mich, als zunehmend demütiger werdender Gast, in der spröden, weiten Granitlandschaft. Schon vor siebentausend Jahren fand hier mit der Errichtung von Dolmen und Menhiren Energiearbeit statt, die Qi-Felder sind enorm hoch und versetzen sich öffnende Menschen schnell in erweiterte Bewusstseinszustände im „Raum der Möglichkeiten“. Mein Qigong vertiefte sich dementsprechend und ich verbrachte viele wunderschöne Jahre hier, in denen ich mit Übenden aus Deutschland und Österreich das Qi in dieser besonderen Natur kultivieren durfte. Parallel dazu begann meine Reisezeit: Kurse und Fortbildungen für Lehrer_innen der deutschen und österreichischen Qigong-Gesellschaften.

Die DEUTSCHE QIGONG GESELLSCHAFT e.V. hat sich zum Ziel gesetzt den Weg des Qigong bestmöglich in der Gesellschaft zu etablieren und bietet zu diesem Zweck qualifizierte Aus- und Fortbildungen an. Die Zahl der Mitglieder und Lehrenden steigt stetig an. Was können wir auf diesem Weg noch verbessern, um die wohltuende Wirkung von Qigong noch mehr Menschen näher zu bringen und damit auch die Bekanntheit von Qigong weiter zu entwickeln?

Ach, dazu kann ich gar nicht viel sagen. Ich bin leider nie ein Vereinsmensch gewesen, empfinde aber für die Arbeit der Qigong Gesellschaft und für jeden Einzelnen der in ihr wirkenden Menschen tiefen Respekt und viel Dankbarkeit. Neben der wichtigen Öffentlichkeitsarbeit und damit dem Ausbau in die Breite darf meines Erachtens aber nie die Bedeutung der Tiefe, der spirituelle Aspekt vernachlässigt werden. Qigong ist und bleibt Innere Alchimie, der lange Weg der Selbst-Kultivierung der Übenden und auch diesen Aspekt in die Öffentlichkeit zu bringen erfordert viel Fingerspitzengefühl. Dafür wünsche ich allen Lehrenden das richtige Händchen!

Welche Bedeutung von Qigong in der Gesellschaft siehst Du für die Zukunft?

Wie du sagst, die Zahl der Mitglieder und Lehrenden steigt stetig an, der wachsende Bekanntheitsgrad ist sicher auch eine Folge der guten Vereinsarbeit. Der Garten ist über viele Jahre gut angelegt und gut bestellt worden. Es gibt in der Gesellschaft viele verständige und auch weise Gärtner_innen. Mein Wunsch wäre, dass das Qigong in der Deutschen Qigong Gesellschaft zu einem gesellschaftlichen Biotop reifen kann, dass viele Insekten und Vögel anlockt und so quasi Naturschutzgebiete erstellt, welche die zunehmenden Herausforderungen des täglichen Lebens integrierbar macht. Was die weitere Pflege dieses Biotops angeht, gilt für mich der Qigong-Satz: „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“, mit anderen Worten ein „sowohl als auch“  im Vertrauen auf das, was schon wachsen durfte und aus sich selbst heraus auch weiter wachsen wird, denn so kann Qigong zu einer mächtigen Kraft der Selbstorganisation des Lebendigen werden.
Eine der großen Stärken der Deutschen Qigong Gesellschaft ist für mich die Toleranz gegenüber der Methodenvielfalt, die wünsche ich mir auch für die Zukunft!
 

Das Leben bedeutet stetige Veränderung und das Rad des Lebens dreht sich beharrlich weiter. Welche Entwicklung, in Bezug auf Qigong, zeichnet sich auf Deinem persönlichen Weg ab?

Für mich ist es nun an der Zeit, meine Yin-Phase bewusst und mit Freude zu leben, der Rückzug hat begonnen. Ich mag nicht mehr so viel reisen und im Außen sein, die Reise ins Innere Universum soll nun noch mehr Vorrang haben. Mit dem Älter werden darf sich der Aktionsradius ja reduzieren, Raum und Zeit verdichten sich, und man sucht nach dem Essenziellen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich noch in einer katalanischen Ausbildung mitarbeite, wo ich die Chance habe mein geliebtes „Spontanes Spiel der Fünf Tiere“ zu vermitteln; ein bisschen Yang im Yin ist ja auch unerlässlich. Zwar gehen die Uhren hier viel langsamer und an einigen Kraftorten setzt die Zeit auch mal ganz aus, aber nun ist Qigong auch hier zunehmend präsent, wie schön!

Welchen Rat kannst Du deinen Schüler_innen auf ihrem persönlichen Weg des Qigong mitgeben?

Mein Rat ist, immer tiefer auf den eigenen inneren Ratgeber zu lauschen, zu lernen, ihm zu vertrauen und mit der Hingabe an die Praxis Qigong als Weg in die Unabhängigkeit, in die Freiheit zu erkennen. Als Lehrer_innen können wir Türen öffnen, eintreten musst du selbst.

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview und wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und Erfüllung bei allen Projekten des Lebens.

Das Interview führte Miroslava May vom Öffentlichkeitsbeirat und Werbung für die DEUTSCHE QIGONG GESELLSCHAFT e.V. im Juni 2017.