30.03.2017

Gibt es eine „Westliche Chinesische Medizin“?

Westliche Chinesische Medizin

Bildquelle: Ralf Jakob

In Europa hat sich in den letzten 80 Jahren eine sog. „westliche Chinesische Medizin“ entwickelt, die sich einerseits im Rahmen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) bewegt, aber im Westen weiterentwickelt wurde und inzwischen völlig abgekoppelt ist von der Medizin in China und Taiwan. Diese These vertrat Prof. Hor Ting bei seinem Besuch Anfang März 2017 im Konfuzius-Institut Nürnberg.

Ralf Jakob vom Ausbildungsteam am Standort Altdorf war unter den Zuhörern. Hier sein Bericht.

Prof. Hor ist Direktor des Instituts zur Verbreitung der Traditionellen chinesischen Medizin an der Yunnan University of TCM in Kunming und zugleich Lehrbeauftragter an der Elite-Hochschule EHESS (École des Hautes Études en Sciences Sociales) in Paris. Der Anthropologe erforscht seit vielen Jahren die Weiterentwicklung der TCM in Ost und West. Die TCM, wie sie sich in China seit etwa 4000 Jahren entwickelt hat, ist nicht zu trennen von der chinesischen Philosophie und Kultur, sagt er. Die Wechselbeziehungen von Yin und Yang, die Theorie der Fünf Elemente, die Phänomene des Qi sind dort ebenso unverzichtbare Bestandteile wie das Verständnis vom Menschen als ganzheitliches Wesen zwischen Himmel und Erde, zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Der Hauptkritikpunkt westlicher Mediziner an der TCM war und ist das Beharren auf den Aspekten „Erfahrung“ und „Spekulation“. Das bedeutet, so Prof. Hor, dass man „das Äußere betrachtet und damit Rückschlüsse auf das Innere zieht“. Als konkretes Beispiel nannte er das typische Zittern der Hände bei einer Parkinson-Erkrankung. In der Chinesischen Medizin assoziiert man hier einen „Inneren Wind“ und wird daraufhin auf eine Disharmonie im Funktionskreis Leber schließen, also „sich in Spekulationen ergehen“.

Als Gründer und Wegbereiter dieser „westlichen TCM“ gilt bis heute Georges Soulié de Morant (1878-1955), ein französischer Diplomat und Sinologe, der in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts mehrere Beiträge zur Akupunktur veröffentlichte. Viele weitere Vertreter dieses „westlichen“ Zweiges der Chinesischen Medizin aus ganz Europa stellte Prof. Hor vor: z.B. die Franzosen Jacques-André Lavier (1922-1977) und Prof. Leon Vandermeersch (* 1928) sowie den Amerikaner Jack Worsley (1923 – 2003), der die Akupunktur im Westen weiterentwickelt hat zu einer Fünf-Elemente-Akupunktur. Als deutscher Vertreter wurde Prof. Manfred Porkert (1933-2015) erwähnt, der in München lehrte und zahlreiche Werke veröffentlichte, welche die Verbreitung der Traditionellen Chinesischen Medizin in der westlichen Welt förderten.

Eine weitere, eher neuere Tendenz hat Prof. Hor ebenso festgestellt. Weil man hier im Westen „wieder zu den Ursprüngen“ zurück möchte, gibt es zunehmend eine verstärkte Zusammenarbeit mit Sinologen, die als einzige in der Lage sind, die alten Schriften der Chinesen ausfindig zu machen und zu übersetzen. Als Beispiel wurde in dem Vortrag die Idee einer „zeitlichen Akupunktur“ genannt, also Überlegungen, ob die Behandlung mit Akupunktur noch effektiver werden könnte, wenn man sich danach richtet, wann die betreffenden „Tore des Qi“ geöffnet sind.  Dieses Forschungsprojekt geht vermutlich noch weit über die schon bekannten Zusammenhänge der Organmaximalzeiten und der 24-Stunden-Periodik der bereits seit längeren Zeit bekannten „Organuhr“ hinaus.  
Ralf Jakob, im März 2017